1. Dezember 2020 · Organisation · Entscheidung

    Das Abilene-Paradox — wenn alle Ja sagen und niemand will

    Warum Gruppen Entscheidungen treffen, die niemand der Beteiligten richtig findet — und was Führung dagegen tun kann.

    Eine Familie sitzt in Texas an einem heißen Nachmittag auf der Veranda. Schwiegervater schlägt vor, nach Abilene zu fahren, 85 Kilometer durch die Wüste. Niemand will, alle stimmen zu. Sie fahren, essen schlecht, fahren zurück, alle sind erschöpft. Am Ende stellt sich heraus: nicht einer wollte fahren — auch der Schwiegervater nicht.

    Jerry B. Harvey beschrieb dieses Muster 1974 als Abilene-Paradox. Es ist kein Witz. Es ist eine der häufigsten Pathologien von Gruppenentscheidungen: nicht zu wenig Konsens, sondern zu viel.

    Warum es passiert

    • Angst, isoliert dazustehen. Niemand will als Einziger gegen die vermeintliche Mehrheit reden.
    • Falscher Konsensus. Jeder vermutet, die anderen seien dafür, weil keiner widerspricht.
    • Sunk-Cost-Logik. Wer einmal zugestimmt hat, korrigiert nicht mehr.

    Was Führung tun kann

    Die einfachste Gegenmaßnahme ist eine Frage: „Was spricht dagegen?“ — gestellt bevor abgestimmt wird, in einer Form, die nicht persönliches Risiko erzeugt. Anonyme Voten helfen. Devil's-Advocate-Rollen helfen. Was nicht hilft: nach der Entscheidung fragen, ob noch jemand Bedenken hat. Da fährt die Gruppe längst durch die Wüste.

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